Die thailändische Nationalhymne
- ihre Wurzeln reichen nach Trier:

 
     
 

(von Gustaf Dietrich)

Als Jacob Feit vor über 100 Jahren in Trier seinen Freunden Lebewohl sagte, um mit Eltern und Geschwistern nach Amerika Auszuwandern, konnte niemand ahnen, zu welchen Ehren er es in einem völlig anderen Erdteil bringen würde. In den Wirren des Zivilkrieges kämpfte er in der Nordarmee der Vereinigen Staaten, um sich im Anschluss als Weltenbummler und Abenteurer nach Asien abzusetzen.

So lernte er auch das Koenigreich Siam kennen und lieben. Zu seinen neuen Freunden in Bangkok gehörte auch der amerikanische Konsul Chandler, der als akkreditierter Diplomat am siamesischen Hof begannt war. So wusste er auch, dass schon seit langem ein Experte gesucht wurde, um der Hofkapelle europäische Blasmusik beizubringen. Chandler wusste auch, dass Jacob Feit aus Trier musikalisch begabt war und mehrere Instrumente beherrschte. Durch seine Vermittlung wurde Jacob Feit 1867 beim Hof vorgestellt und zum Instrukteur der Königlichen Musikkapelle im "Wang Na" bestellt.
Hier konnte Jacob nun seine Fähigkeiten unter Beweis stellen. Mit Geduld und Ausdauer brachte er den Palastmusikern bald europäische Trompetentöne und Notentechnik bei. Sein Verdienst war es auch, die bis dahin nur auf einheimischen Musikinstrumenten gespielte Königshymne für großes Blasorchester zu arrangieren.

Der westliche Einfluss auf musikalischem Gebiet setzte um dieselbe Zeit ein, als Koenig Chulalongkorn mit seinem nach dem ausgerichteten Modernisierungsprogramm begann. In späteren Jahren wurde Jacob Feit dann auch mit der Ausbildung der Armeeblasmusiker betraut. Er heiratete ein Mädchen aus dem Mon-Stamm, wie es bei den in Siam eingewanderten Europäern um diese Zeit üblich war. Drei Söhne stammten aus dieser Ehe, auch sie hatten vom Vater die Liebe zur Musik geerbt.
Nach dem Tod Jacob Feits im Jahr 1909 nahmen seine Frau Tongyoo und die Söhne den Siamesischen Familiennamen Waityakarn an, ß aus "Feit" wurde "Wait". Die beiden älteren Söhne Leo und Paul betrieben die Musik nur als Steckenpferd - Sohn Peter, der sich nun Piti Waityakarn nannte, erwählte die Musik später zur Lebensaufgabe. Zuerst war er bei der siamesischen Staatsbahn beschäftigt, die Koenig Chulalongkorn ins Leben gerufen hatte. Nach zehn Jahren als Dolmetscher und Berater in der Verkehrsabteilung der Staatsbahn erhielt er vom Koenig den Ehrentitel eines "Kuhn Chen Rotarat" ß "Experte im Transportwesen". In seiner Freizeit beschäftigte er sich mit Musik und mit seinen Brüdern spielte er Hausmusik.

Eingedenk der Verdienste Jacob Feits und wegen seines musikalischen Könnens rief Koenig Vachiravudh den "Experten für Transportwesen" zu den schöneren Künsten zurück und gab ihm den Rang eines "Luang Chen Duriyang" - "Fachmann für Orchestermusik" . Piti übernahm den vom Koenig verliehenen Titel als Familiennamen , und im Laufe der Jahre verwischten sich die Zeichen seiner Herkunft so sehr, dass niemand mehr in den staatlichen Musikmeister die deutsche Abstammung vermutete. Bald hatte er die königliche Kapelle so in Schwung gebracht, dass sie als die beste Musikkapelle des Ostens galt. Sie spielte bei jeder königlichen Zeremonie und begeisterte ihre Zuhörer. Der Koenig belohnte Piti 1922 mit dem Rang eines "Phra Chen Durizang".

Nach dem Tode Koenigs Vachiravudh im Jahr 1925 begann für "Ohra Piti" jedoch eine schwere Zeit. Palastbeamte standen auf dem Standpunkt, dass der ausländische Einfluss auf das siamesische Musikwesen zu weit ging und Piti und seine Mannen hatten große Schwierigkeiten. Trotzdem setzten die Musiker ihre Arbeit fort, was dann auch belohnt wurde. Der neue Koenig, Rama VII, war von seinem Hoforchester begeistert. Als er von den Palastintrigen erfuhr, sorgte er dafür, dass die Musiker Gehaltsaufbesserungen bekamen. Und Piti bekam die "Dusadi Mala" Medaille - eine hohe Auszeichnung, die für Leistungen in Kunst und Wissenschaft verliehen wird. "Dontri Farang Luang", die "ausländische Musik des Koenigs", war gerettet.

Aber auch um die siamesische Musik hat sich Piti Waityakarn verdient gemacht. Im alten Siam wurden Volkslieder und Tanzstuecke vom Vater auf den Sohn, vom Lehrer auf den Schüler nur nach Gehör überliefert. Mit dem Aussterben siamesischer Musikexperten gingen viele Lieder verloren, oder sie wurden unvollständig und entstellt wiedergegeben. Auf Regierungsanweisung machte sich Phra Chen Duriyang an die Heidenarbeit, alle noch bekannten Lieder und sonstige Musikstücke zu sammeln und in Noten festzuhalten. Mit der Einführung der siamesischen Notenschrift wurde so ein wichtiger Teil des kulturellen Erbes Siams vor dem Aussterben bewahrt.

Bei der Umorganisation des siamesischen Marineorchesters lernte Piti auch viele Offiziere kennen, und als ihn eines Tages ein Marineoffizier bat, eine Nationalhymne zu komponieren, fragte er verwundert nach dem Grund. Die von seinem Vater arrangierte und ständig gespielte Königshymne war doch schon so etwas wie eine Nationalhymne. Das war im Jahr 1931, und der staatliche Musikmeister war so in seine Arbeit vertieft, dass er den politischen Entwicklungen im Lande keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Trotz wiederholter Anmahnung hat Piti die Sache nicht ernst genommen. Und dann geschah es: Die Revolution war da. Fünf Tage später wurde Piti zum Hauptquartier der Revolutionäre bestellt. Sein Freund, der Marineoffizier, war Mitglied des Revolutionsrates geworden. Piti bekam nun den offiziellen Befehl, innerhalb einer Woche eine zündende Nationalhymne vorzulegen.

Verzweifelt zermartert sich der Kapellmeister eine Woche lang vergebens sein Gehirn. Mit der Furcht, als Gegner der neuen Herren und als Feind der Revolution abgestempelt zu werden, begab sich Piti schweren Herzens zum Revolutionsrat, um sein Versagen einzugestehen. Als er in der Innenstadt von einer Straßenbahn in die andere umstieg, fiel ihm plötzlich wie eine Erleuchtung die Melodie der neuen Hymne ein. Das Rattern der Räder akzentuierte den Takt der entstehenden Melodie, die zu einem Wahrzeichen des modernen Thailands werden sollte. Vor sich hin summend verließ er die Bahn, eilte zu den Revolutionären, ließ sich Papier und Bleistift geben und zum Staunen Aller war in wenigen Minuten die Nationalhymne geboren. Der Revolutionsrat hatte natürlich auch andere Musiker beauftragt, eine neue Hymne herzustellen, aber die Komposition von Phra Chen Duriyang stach alles andere aus. Seit 50 Jahren ertönt sie nun täglich im ganzen Land beim Beginn der Radio- oder Fernsehprogramme, und die von seinem Vater arrangierte Königshymne beschließt um Mitternacht das Programm der Sender Thailands.

Quelle: 120 Jahre Deutsch Thailändische Freundschaft

Die Nationalhymne Thailands entstand wie oben beschrieben im Jahr 1932, in vielen Quellen wird jedoch das Jahr 1939 genannt. Dies hat mich auch immer verwirrt! Dies könnte daran liegen, dass der Text im Jahr 1939 von dem Oberst Luang Saranuprabhandi (Vichid Madrah) geschrieben wurde.

Thailand umarmt mit seiner Brust.
Alle Menschen mit Thai-Blut.
Jeder Zentimeter Thailands gehört den Thais.
Das Land hat seine Unabhängigkeit gewahrt,
weil die Thais stets vereint waren.
Die Thais leben in Frieden,
aber sie sind keine Feiglinge im Krieg.
Niemandem werden sie erlauben,
sie ihrer Unabhängigkeit zu berauben.
Noch werden sie Tyrannei erleiden.
Alle Thais sind dazu bereit,
jeden Tropfen ihres Blutes der Nation zu opfern,
für Sicherheit, Freiheit und Fortschritt.

Quelle: Dorothea von Staden, Aus meinen Erinnerungen an Thailand

 

 

Links:

Dorothea von Staden
Aus meinen Erinnerungen an Thailand

Beziehungen zwischen Thailand und Deutschland
(Auswärtiges Amt)